Erzpriester Dr. Georgios Basioudis:
„Liebe Schwestern und Brüder.
Eine Ikone ist "der sichtbare Strahl des unsichtbaren Absoluten, das sich in ihr offenbart und doch in seinem Wesen verborgen bleibt. Ihre Ausstrahlung übersteigt die Sinneswahrnehmung und den Verstand und fordert eine besondere, liturgische Weise der Betrachtung, damit man durch das Sichtbare in das Unsichtbare, das Eigentliche der Ikone, vorstößt. Die Ikone, heißt es im „Synodikon der Orthodoxie", heiligt die Augen der Betrachter und erhöht den Verstand zur mystischen Gotteserkenntnis". Diese Gotteserkenntnis (θεογνωσία) erfolgt im Prozess der Schau (θεωρία) des jenseits der Logik Liegenden als Teilhabe am unsichtbaren Transzendenten."


Anastasios Kallis, aus Reflexionen orthodoxer Theologie:
"Die Ikone zerstört die Götzenbilder des Verstandes und macht den Menschen frei für die Begegnung mit dem Unbegreiflichen."
Ikonenschreiben als spiritueller Weg
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Vom Werden einer Ikone
Das Schreiben von Ikonen ist eine Form der Darstellung des Heiligen, die vor allem im Mönchtum der Ostkirche entwickelt worden ist. Hier geht es nicht in erster Linie um die kreative Entfaltung eines Künstlers, sondern um das ehrfürchtige und sorgfältige "Abschreiben" einer bildlichen Darstellung des christlichen Glaubens. Die so entstandene Ikone wird zu einem Fenster, das einen Blick in die Ewigkeit eröffnet. Der Schreiber tritt hinter sein Werk zurück. Daher gehört zum Schreiben von Ikonen ganz wesentlich die alte Mönchstugend der Demut, in der sich der Mensch nicht selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern innerlich gesammelt und betend unter den empfangenen Auftrag stellt.
"Ikone" kommt von dem griechischen Wort "Bild". In der Bibel findet es sich zum ersten Mal in der Schöpfungsgeschichte, wo es heißt: "Gott schuf den Menschen zu Seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn; und Er schuf sie als Mann und Frau." (Gen 1,27) Dies gilt vor allem für Christus, den Paulus "Ebenbild des unsichtbaren Gottes" nennt (Kol 1,15). Christus und die Heilsgeheimnisse seines Lebens bildlich darzustellen, wird so zu einem geistlichen Weg der Annäherung an Gott.

Ikonen – Fenster der Ewigkeit
Ikonen sind in der ostkirchlichen Spiritualität Fenster der Ewigkeit. Der Betrachter tritt in eine Beziehung mit dem dargestellten Heilsgeheimnis oder Heiligen. Im Licht der Ewigkeit wird er innerlich still und erkennt sich selbst und seinen geistlichen Weg klarer.

Die "Fremdartigkeit" der Ikonen
Ikonen sind dem westlich geprägten Betrachter oft fremd. Εrnst Benz hat sich in seinem Buche über die Ostkirche bemüht, gerade diese "Fremdartigkeit" der Ikonen zu beschreiben und sie gleichzeitig mit der Malerei der westlichen Kirchen in Vergleich zu bringen. So sagt er:
(Zitat) "Es ist nun im Westen ziemlich üblich geworden, unsere westliche Auffassung von religiöser Kunst als selbstverständliche Norm auch der Beurteilung der Ikonenmalerei zugrunde zu legen. Dabei sind meistens sehr negative Urteile herausgekommen, Urteile, die der östlich-orthodoxen Kirchenkunst jegliche schöpferische Originalität absprechen und die ihre Traditionsgebundenheit als künstlerisches Unvermögen bezeichnen. Tatsächlich spielt der einzelne Künstler innerhalb der Geschichte der orthodoxen Kirchenmalerei kaum eine Rolle. Die meisten orthodoxen Kirchenmaler sind anonym geblieben. Auch ist die Ikonenmalerei nicht von der Tätigkeit eines Künstlers im westlichen Sinne abhängig; sie ist vielmehr ein heiliges Handwerk, das in Klöstern ausgeübt wird, die bestimmte Malerschulen entwickelt haben. Diese Malerschulen beruhen auch nicht auf dem Vorhandensein eines hervorragenden Malers, eines Schulhauptes, der neue schöpferische Impulse seinen Schülern mitteilt, vielmehr überwiegt das
traditionelle und handwerkliche Element so sehr, daß sich häufig sogar verschiedene Funktionen teilen: der eine malt die Augen, der andere die Haare, ein dritter die Hände, ein vierter die Gewandung, so daß bei der Herstellung selbst das Moment der schöpferischen, künstlerischen Individualität in Wegfall kommt. Es ist nun aber grundsätzlich falsch, von vornherein die Unterschiede zwischen der westlichen und östlichen Kirchenmalerei einseitig zugunsten der westlichen zu interpretieren und aus der Traditionsgebundenheit der östlichen Ikonenmalerei Rückschlüsse auf die künstlerische Unproduktivität und das Unvermögen der orthodoxen Maler zu ziehen. Um die ostkirchliche Malerei zu verstehen, gibt es für den abendländischen Betrachter keinen andern Weg, als sich zunächst mit einer gewissen Willensanstrengung von der westlichen Anschauungen frei zu machen um die Eigenart der östlichen Ikonenmalerei von ihrer theologischen Eigenbegründung her zu erfassen."